Lieber Tierarzt...


...ich habe einen meiner Patienten endlich erfolgreich an Dich verwiesen. Sein Herrchen hat mich vor einigen Wochen kontaktiert, weil des dem Hund so schlecht ging. Angeblich war Herrchen schon öfter mit ihm bei Dir, aber besser ging es dem Hund nicht. Also wollte Herrchen eine zweite Meinung und eventuell eine Therapie durch mich mit alternativen Heilmethoden.

 

Ich habe wie immer eine genaue Erstanamnese durchgeführt, den Hund untersucht und über eine Stunde mit seinem Herrchen über die Krankengeschichte, die Ernährung, das Umfeld und das Leben seines Hundes gesprochen. Das Du dem Herrchen nie gesagt hast, das er seinem Hund keine Schokolade geben darf oder das er vielleicht mal ein anderes Futter ausprobieren sollte als das billige Futter aus dem Discounter, das sehe ich nicht so eng. So ist das nunmal, Du hast ja auch viel mehr zu tun als ich und im Alltag mit so vielen Patienten wahrscheinlich keine Zeit dafür, sich um jeden ungefähr eine Stunde lang zu kümmern. Vielleicht hat Herrchen Dir das mit der Schokolade und dem Billig-Futter einfach nicht erzählt und Du hast vielleicht auch nicht danach gefragt.

 

Ich habe Herrchen natürlich auch gefragt, was genau schon von Dir diagnostiziert und unternommen wurde, um dem Hund zu helfen, ob es dazu Laboruntersuchungen gab und ich die Unterlagen vielleicht sehen könnte. Herrchen sagte, der Hund hätte wohl die Erkrankung mit dem Namen xy und ja, eine Blutuntersuchung wurde gemacht, das war wohl auch sehr teuer, und nein, die Unterlagen dazu hat Herrchen leider nicht, warum auch, das ist für ihn ja eh alles nur medizinisches Latein. Aber Du hast Herrchen damals gesagt, dass alles so in Ordnung ist, bestimmte Medikamente gegeben und das Du jetzt auch nicht mehr weiter weißt. Als ich Herrchen gesagt habe, dass ich gerne noch einmal Blut abnehmen möchte, damit ich mir selber ein Bild machen kann, ist es böse auf mich geworden. Das ist ihm zu teuer, jetzt noch einmal eine Laboruntersuchung zu bezahlen, wenn Du doch schon eine gemacht hast. Herrchen hat schon viel Geld für die Behandlung des Hundes ausgegeben und mich auch zu Beginn  gefragt, wie viel ich denn berechnen würde, denn es hätte gerade nicht mehr viel Geld.

 

Ich habe Herrchen also nach meinen Möglichkeiten und mit den Informationen, die ich hatte, einen Therapieplan erstellt. Habe darin eine Ernährungsumstellung beschrieben, Herrchen diverse hochwertige Futter empfohlen (die natürlich leider alle teurer als das Discounter-Futter sind) und auch dringend von dem weiteren Verfüttern von Schokolade gewarnt, da diese ja für Hunde giftig ist. Außerdem habe ich ein homöopathisches Mittel verschrieben und Herrchen gebeten, sich regelmäßig bei mir zu melden, damit wir den Therapieplan eventuell weiter anpassen können. Natürlich musste ich ihm versichern, dass Beratung und Beantwortung von Fragen zur laufenden Therapie nichts extra kosten, weil es ja gerade so wenig Geld hat...

 

Herrchen hat sich auch regelmäßig bei mir gemeldet. Sogar sonntags und spät abends. Wenn ich nicht ans Telefon gegangen bin und erst am nächsten Tag zurück gerufen habe, wurde es böse und hat mir wütend vorgeworfen, dass ich doch gesagt hätte, dass ich für Fragen und Hilfe immer zur Verfügung stehen würde. Jedenfalls hat Herrchen mir auch immer erzählt, dass es die Medizin, die ich seinem Hund verschrieben habe, leider nicht immer regelmäßig geben könnte, dass wäre ja im Alltag so kompliziert. Und das der Hund die auch gar nicht gerne nehmen würde, obwohl der ja sonst so gerne frisst. Ach, und weil der doch dann immer so traurig guckt, hätte er doch nochmal Schokolade bekommen, aber nur drei- oder vier mal, also nicht wirklich oft. Geschadet hat es dem Hund ja bis jetzt nicht wirklich, wenn etwas wirklich giftig ist, dann fällt der doch sofort davon tot um, oder nicht? Das mit dem Futter, das sei so eine Sache, es hat sich jetzt die anderen Futter alle mal angesehen, aber die sind ja soviel teurer als das Futter vom Discounter, also das kann es sich jetzt gerade gar nicht leisten, es kauft jetzt erstmal weiter das Billige, das hat der Hund ja auch immer gerne gefressen. Übrigens geht es dem Hund immer noch nicht wirklich besser, Herrchen ist sich gar nicht wirklich sicher, ob das mit diesen alternativen Heilmethoden überhaupt etwas bringt...

 

Lieber Tierarzt, einige  Wochen lang, in denen ich mehrere dieser Telefonate geführt habe, mehrfach nochmal vor Ort bei dem Hund war und es ihm immer schlechter ging, habe ich Herrchen öfter dringend gebeten, mit dem Hund noch einmal bei Dir vorstellig zu werden, damit Du etwas tust und es dem Hund eventuell schnell wieder besser geht, denn ich habe wirklich Angst um ihn gehabt. Ich habe ja leider keine Möglichkeit, dringend notwendige verschreibungspflichtige Medikante zu verabreichen, erstens, weil ich es nicht darf und zweitens, weil ich mich damit überhaupt nicht auskenne und auch den Anspruch gar nicht erhebe. Herrchen war sehr böse auf mich und hat mir vorgeworfen, ich würde mich jetzt aus der Verantwortung ziehen und hätte die ganze Zeit Geld für's Nichtstun kassiert. Danach habe ich auch nichts mehr von Herrchen oder dem Hund gehört.

 

Aber anscheinend waren die beiden doch noch bei Dir, denn Du, lieber Tierarzt, verbreitest jetzt über Tierheilpraktiker im Allgemeinen und über mich im Besonderen die schlimmsten und haarsträubensten Geschichten! Das Herrchen den Hund mehr tot als lebendig in Deine Praxis gebracht hat und meinte, er hat den Hund wochenlang durch eine Tierheilpraktikerin behandeln lassen. Ich hätte den Hund beinahe umgebracht, ich hätte ja keine Ahnung von Veterinärmedizin und überhaupt dürfte sich ja jeder, der einen Wochenendkurs in Homöopathie belegt hat, Tierheilpraktiker schimpfen.

 

Ja, lieber Tierarzt, Du hast recht: ich habe kein Studium der Veterinärmedizin absolviert. Dafür aber eine sehr aufwändige und kostspielige Ausbildung über zwei Jahre, deren Anatomie- und Physiologie-Teil als Kurs für Wartesemester zur Veterinärmedizin gilt. Und nicht nur einen Wochenendkurs.

Mein Regal mit medizinischer Fachliteratur sieht sogar ziemlich ähnlich aus wie das, welches Du stolz bei Dir in der Praxis präsentierst, denn Lesen und Lernen kann ich genauso wie Du und die Bücher, die Du liest oder als Student gewälzt hast, habe ich mir ebenfalls in der Buchhandlung gekauft. Ich sitze in meiner Freizeit mit veterinärmedizinischer Fachliteratur in der Badewanne. Im Urlaub liege ich sogar damit am Strand.

 

Ich erhebe nicht den Anspruch, Dich zu ersetzen, ganz bestimmt nicht. Deswegen nenne ich mich "Therapeutin" und Du Dich "Arzt". Wenn ich etwas nicht kann, mich mit etwas nicht auskenne oder mir ein Fall zu heikel ist, dann sage ich das ehrlich und schicke meine Patienten mit ihren Besitzern zu Dir.

 

Aber ich erhebe den Anspruch, dass Du Dich mit dem, worüber Du Deine Meinungen verbreitest, auseinander setzt! Und vielleicht auch mal darüber nachdenkst, was Dir die Besitzer Deiner Patienten verschweigen, verdrehen oder anders darstellen. Das Du über den Tellerrand schaust und hinterfragst, statt einfach nach Schema F zu handeln und zu urteilen, so wie Du es anscheindend in Deinem Studium gelernt hast. Denn die Welt ändert sich und erst recht die Erkenntnisse der Wissenschaft,  zu der auch die Medizin zählt.

 

Ich hätte mich gerne mit Dir über den Hund, der mal unser gemeinsamer Patient war, auseinander gesetzt. Aber Du verweigerst ein Gespräch mit mir. Warum kann ich nur vermuten, und das ist wirklich traurig. Vielleicht hätten wir zusammen ein tolles Team ergeben.

 

Herzliche Grüße,

 

Katharina Eichen

Tierheilpraktikerin

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Aus dem Alltag einer Tierheilpraktikerin Teil 1


Meinen ersten Blogeintrag hätte ich gerne einem fröhlichen und spannenden Thema gewidmet, aus aktuellem Anlass kommt es aber anders: ich möchte darüber schreiben, was mir vor einiger Zeit auf facebook, dem "sozialen Netzwerk" schlechthin, passiert ist.

 

Ich las den Post eines der auf facebook sehr aktiven und bekannten Tierärzte, in dem er auf sehr drastische Weise die Alternativmedizin ablehnte. Das an sich ist ja nicht verwerflich, frei nach dem Motto "wer heilt hat recht" sollte jeder wissen, was sein Gebiet ist und was er vertritt.

 

Dabei aber beleidigend zu werden, Tierheilpraktiker allgemein und sogar Arztkollegen, die alternative Therapiemethoden anwenden, als "Quacksalber" und "Stümper" zu bezeichnen, ging mir dann doch zu weit. Ich gebe zu, ich fühlte mich auch in meiner Ehre gekränkt.

 

Ich habe also einen ganz freundlichen Kommentar dazu verfasst und darin geschrieben, dass ich die Einstellung des Herren äußerst schade finde und das ich durchaus auch der Meinung bin, dass es in dem weit gefächerten Kollegenkreis der Tierheilpraktiker schwarze Schafe gibt. Das diese aber ebenfalls unter Tierärzten zu finden sind und ich als Tierheilpraktikerin nehme mir ja auch nicht heraus,grundsätzlich alle Tierärzte als unfähig zu beschimpfen. Das man eher die großartige Möglichkeit der Zusammenarbeit und der Kommunikation nutzen sollte und das eine gute THP-Ausbildung in vielen Teilen (Anatomie, Physiologie und Pathologie) durchaus mit Teilen eines Tiermedizin-Studiums vergleichbar ist. Und auch, dass ein guter Tierheilpraktiker seine Grenzen kennt und, an diese stoßend, immer an einen Tierarzt verweist (zumindest mache ich das so), weil wir im Prinzip ja alle nur das Selbe wollen: gesunde und glückliche Patienten.

 

Ich dachte, damit wäre es dann getan, ich hätte nach diesem unverschämten Post meine Ehre, die meiner Kollegen und aller alternativ arbeitenden Ärzte gerettet und machte mich wieder an mein Tagewerk. Niemals hätte ich geahnt, welche Wellen mein Kommentar schlagen sollte...

 

Später rief ich dann wieder meine facebook-Seite auf und fiel fast rückwärts vom Stuhl. Es gab bereits einige Antworten auf meinen Kommentar, von vielen unterschiedlichen Leuten, einige selber Tierärzte, und diese Antworten hatten es in sich. Ich wurde beleidigt und beschimpft, ich sei eine Stümperin, genau wie alle anderen auch, die "auf kleine weiße Kügelchen schwören" (damit sollte wohl die klassische Homöopathie gemeint sein), ich würde den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen und ihr Leid und ihre Sorge um ihre Tiere ausnutzen, ich hätte keine Ahnung von Medizin und ich würde meine Patienten vorsätzlich dem Tode weihen und überhaupt: wie ich es wagen könnte, den Tierarzt anzugreifen! (hatte ich das?) Ich war entsetzt.

 

Anfangs habe ich jeden dieser Kommentare sachlich, fachlich und höflich beantwortet und mich auf Diskussionen eingelassen. Den Menschen dort nahegelegt, sich doch einfach mal schlau zu machen, was ein Tierheilpraktiker  genau macht, wie eine Ausbildung abläuft. Das es viel mehr Therapiemöglichkeiten gibt als nur "kleine weiße Kügelchen". Erklärt, wie man einen guten THP erkennt, welche Inhalte die Ausbildungen haben, bei wie vielen Erkrankungen die Alternativmedizin eine tolle Ergänzung sein kann und das mein Ziel eigentlich eine gute Zusammenarbeit zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde ist.

 

Ein paar THP-Kollegen sprangen für mich in die Bresche und diskutierten mit, ließen sich zu Beginn ebenfalls darauf ein. Auf Kämpfe, die im Nachhinein betrachtet, von Anfang an aussichtslos waren. Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher. Die Beschimpfungen wurden immer schlimmer. Ich bekam private Nachrichten auf facebook, von offensichtlich gerade erst erstellten Fake-Konten, in denen ich bedroht wurde. Auf diese habe ich gar nicht mehr reagiert. Eine liebe Kollegin von mir, die noch lange mit diskutierte, wurde ebenfalls beschimpft und bedroht. Jedes Mal, wenn ich facebook öffnete, hagelte es neue Benachrichtigungen zu Antworten auf meinen Kommentar. Irgendwann habe ich sie einfach nicht mehr gelesen.

 

Ich bekam Angst, wenn mein Telefon klingelte. Was, wenn dort jemand dran war, der mir wieder drohen wollte? Durch meine facebook-Seite und meine Homepage wäre es für so jemanden ein Leichtes, meine Kontaktdaten herauszufinden. Ich bin eigentlich sehr lebenslustig und selbstbewusst, aber auch wenn ich es nicht zugeben wollte: dieser Shitstorm auf facebook hing mir nach. Ich konnte plötzlich verstehen, wie es Menschen gehen muss, die Opfer des sogenannten "Cyber-Mobbings" werden. Vorher hatte ich mich mit diesem Phänomen niemals beschäftigt.

 

Was bringt Menschen aus allen Teilen Deutschlands dazu, eine ihnen völlig unbekannte Person zu beleidigen, zu beschimpfen, zu verurteilen und sogar zu bedrohen? Das alles im Rahmen eines so genannten "sozialen Netzwerkes", das eigentlich zum freundlichen Austausch und zum Informieren dienen soll? Alle diese Menschen kennen weder mich persönlich, noch meinen Hintergrund, meine Ausbildung, meine Erfahrungen oder meine Therapiemethoden und ihren Aussagen nach haben sie sich auch niemals auch nur im Ansatz damit beschäftigt.  Würde das mir und meiner Praxis schaden? Wie sollte ich damit weiter umgehen?

 

Kurz nach diesem Vorfall (ich hatte die Benachrichtigungs-Funktion für den Beitrag längst ausgeschaltet) fuhr ich mit meinem Mann und unserem Hund drei Wochen lang in den Urlaub und konnte endlich Abstand gewinnen. Bei langen Spaziergängen am Strand und in skandinavischen Waldlandschaften hatte ich in aller Ruhe Gelegenheit, das Ereignis in Ruhe zu überdenken und zu reflektieren. Und aus der ehemaligen Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit wurde Wut. Ich war einfach nur noch wütend. Wütend darüber, dass ich mir von fremden, unwissenden Menschen, weit weg von meinem persönlichen Umfeld, Angst hatte einjagen lassen. Und ich war traurig. Traurig darüber, dass diese Menschen anscheinend keine andere Möglichkeit hatten, ihre eigene Meinung kund zu tun, als beleidigend und ausfallend zu werden. Aber mir wurde auch klar, dass all das überhaupt nichts mit mir persönlich oder mit meinen Fähigkeiten als Therapeutin zu tun hatte. Und wenn ich ehrlich zu mir selber war, wollte ich auch gar nicht, dass solche Leute jemals persönliche Berührung mit mir oder mit meiner Praxis haben. 

 

Von da an genoss ich meinen Urlaub und machte nach meiner Rückkehr motivert und fröhlich weiter wie bisher. Meine Patienten, ihre Besitzer, die kleinen und großen Erfolge und die Freude an meiner Arbeit zeigen mir, das es genau so richtig ist.

 

Übrigens hat sich der betreffende Tierarzt zu fast allen anderen Kommentaren, die unabhängig von meinem zu seinem Post gemacht wurden, geäußert. Nur zu meinem nicht. Kein einziges Mal. (Zumindest nicht in der Zeit, in der ich noch verfolgt habe, was da alles so passiert)

 

Heute wollte ich, bevor ich diesen Blogbeitrag veröffentliche, noch einmal mutig sein und mir das erste Mal,  seitdem das alles passiert ist, den Post und alle Kommentare auf der facebook-Seite des Tierarztes anschauen. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass der Post anscheinend irgendwann in der letzten Zeit gelöscht wurde, zumindest kann ich ihn nicht mehr finden... Ah ja...

 

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