Was genau ist eigentlich "vermenschlichen"?


Ich bin ja von der Fraktion "Wattebauschwerfer". Bedeutet, ich bin absolut gegen Gewalt im Umgang mit Tieren. Da höre ich sie jetzt sofort wieder schreien, die Menschen mit "Problemhunden", die in ihre Schranken gewiesen werden müssen, oder die Leute mit Pferden, "die dem Pferd mal zeigen, wo es lang geht, weil das einem ja körperlich ja eigentlich überlegen ist".

Klar, wenn ich ein Pferd behandele, was mich kleinen Menschen durch die Gegend schiebt und mit dem Popo an die Stallwand oder einen Zaun drückt, dann schiebe ich da sehr bestimmt und kräftig gegen. Versteht das Pferd meist auch problemlos. Ich schlage es aber nicht oder fange an rumzuschreien. 

Und was genau ist eigentlich ein "Problemhund"?

 

Ich habe so einen "Problemhund", behaupten zumindest einige, und ich habe das anfangs auch gesagt. Er ist extrem unsicher, hat ein Problem mit Besuch und ganz besonders mit fremden Männern. Er hat irgendwann die Strategie entwickelt, alles, was ihm Angst macht, anzugreifen, statt einen Schritt zurück zu machen. Ich war überfordert, unglücklich und verzweifelt. Zu Hause mit meinem Mann ist er so zauberhaft, so zart, so verspielt, so unglaublich toll, und bei Besuch oder zu fremden Menschen und Hunden so aggressiv. Viele unserer Bekannten und Freunde glauben mittlerweile, wir haben uns schlichtweg eine unerzogene Bestie aus dem Tierheim ins Haus geholt.

Also bin ich mit diesem Hund in eine bekannte und geschätzte Hundeschule gegangen und habe bestimmte Hausaufgaben bekommen. Der Hund darf nicht mehr ins Bett oder auf das Sofa. Er bekommt nur noch aus einem Futterbeutel zu fressen und zwar nur gegen "Leistung". Sein Spielzeug darf ihm nicht mehr zur freien Verfügung stehen, ICH allein entscheide, wann gespielt wird. Wenn es klingelt und er fängt an zu kläffen, soll ich ihn mit einer Wasserflasche nass spritzen. Ebenso, wenn wir unterwegs sind und er IRGENDETWAS tut, was er nicht soll. Sofort mit dem Spritzer aus der Flasche unterbrechen.

 

Hab ich alles gemacht. Vieles hab ich nicht verstanden (Wieso darf er nicht mehr auf das Sofa? Er hat nie jemanden angeknurrt oder belästigt dort. Warum nur noch Fressen aus dem Beutel? Er hat niemals zuvor und bis zum heutigen Tag nicht, sein Futter gegen mich oder meinen Mann verteidigt, uns niemals angeknurrt oder ähnliches. Wieso darf sein Spielzeug nicht mehr in der Wohnung liegen? Aus das hat er niemals verteidigt. Und nachdem ich nur noch entscheiden durfte, wann gespielt wird, hatte er gar keine Lust mehr dazu. Und diese Wasserflasche... bei den ersten Spritzern aus der Flasche hat er sich so dermaßen erschrocken und gequietsch, als hätte ich ihn geschlagen. Die Trainerin machte sich ein bisschen lustig und meinte, das bisschen Wasser macht dem nichts.... von da an klemmte mein Hund den Schwanz ein und duckte sich vor mir weg, wenn ich eine Flasche in die Hand nahm, auch, wenn ich eigentlich nur trinken wollte.) Ich habe es aber trotzdem gemacht. Weil es von der Trainerin so angewiesen wurde und die hatte immerhin Erfahrung und auch so viele gute Referenzen auf ihrer Internetseite...

ich solle ihn nicht vermenschlichen, er wüerde mir sonst auf der Nase herumtanzen, mich kontrollieren und sich als "Chef" aufspielen.

 

Viele beklagen heute, dass Hunde vermenschlicht würden. Früher wäre ein Hund noch wie ein Hund behandelt worden, also artgerecht.

 

Was sie oft damit meinen ist, dass ein Hund früher draußen oder im Zwinger lebte, Essenreste zugeschmissen bekam und Haus und Hof bewachen sollte oder mit auf die Jagd genommen wurde. Er bekam kein Mäntelchen im Winter oder bei Regen oder einfach weil es schick war, er wurde nicht herumgetragen, gebürstet oder gestreichelt, er durfte nicht auf dem Sofa oder gar im Bett liegen, bekam keinen Pool, Spielzeug oder durfte Teller ablecken, wurde nicht zum Frisör geschickt und mit Leckerlis und Biofutter vollgestopft, ging nicht zur Physio, Hundeschule oder zum Psychologen.

 

Ich persönlich finde auch, dass Hunde vermenschlicht werden, allerdings aus keinem der oben aufgezählten Gründe.

 

Hunde haben sich im Laufe der Jahrtausende dem Menschen angepasst und der Mensch hat durch gezielte Züchtung alles gegeben, den Hund so abhängig von sich zu machen, dass er ohne ihn und seine Nähe als Art nicht überleben kann. Insofern gehört es zur „artgerechten“ Entwicklung des Hundes dazu, heute eng mit dem Menschen verbandelt zu sein und in seinem Haus zu leben. Die Industrialisierung hat den Hund zudem als Arbeitsgerät überflüssig gemacht, so dass die Funktion des Arbeitshundes durch den Familienhund abgelöst wurde. Wir halten unsere Hunde, weil wir Freude an ihnen haben, im Regelfall nicht jedoch weil sie für uns arbeiten sollen.

Wir gehen dadurch eine viel emotionalere Bindung mit ihnen ein, weshalb es uns auch wichtig ist, dass es ihnen gut geht. Sie sind nicht einfach ersetzbar geworden, sie gelten als Familienmitglieder.

Wir erkennen in ihnen individuelle, fühlende Lebewesen mit Bedürfnissen, Vorlieben und Abneigungen. Also sorgen wir auch dafür, dass sie nicht frieren oder schwitzen müssen, dass sie körperlich und geistig ausgelastet werden und sie ein glückliches Hundeleben führen. Wir teilen unseren Lebensraum mit ihnen und so ist unser Lebensraum heute für Hunde auch "artgerecht". So wie wir nicht mehr in Höhlen leben, lebt der Hund heute nicht mehr vor der Tür, sondern dahinter.

 

Der Begriff „Vermenschlichung“ wird meiner Meinung nach oft mit „moralischer Verantwortung gegenüber einem abhängigen Schutzbefohlenen“ verwechselt.

 

Trotzdem vermenschlichen wir unseren Hund sehr häufig - auf einer ganz anderen Ebene.

Wir verlangen von ihm, Mensch zu sein!

 

Er soll unsere Sprache verstehen, möglichst intuitiv. Er soll alles das gern machen, was wir gerne machen, wie zum Beispiel uns in die volle Stadt zu begleiten oder ins laute Restaurant. Er soll unauffällig und leise sein und sich mit allen gut vertragen, er soll bei Fuß gehen und seine Welt ignorieren, er soll uns anschauen, uns "lieben" und sich stark an uns "binden".

 

Und wir vermenschlichen ihn auch, weil wir von ihm glauben, menschlich zu sein!

 

So unterstellen wir ihm sehr häufig, dass er „Chef“ sein will, weil er oft auf dem Sofa liegt, als erster durch die Tür rennt oder sein Spieli verteidigt. Wir behaupten, er würde uns „kontrollieren“, weil er uns überall hin folgt. Wir sagen, er wäre mal wieder „stur“ oder wolle uns „ärgern“, weil er nicht zurückgerannt kommt, wenn wir ihn rufen, sondern lieber weiter nach Mäusen buddelt oder mit den Kumpels spielt. Wir halten ihn für „frech“ und „respektlos“, wenn er an uns hoch springt und für „eigensinnig“ wenn er sich nicht setzt, obwohl wir es - vielleicht nicht unbedingt genügend trainiert - aber es auf jeden Fall "befohlen" haben 😉

 

Für mich bedeutet Vermenschlichung, wenn wir dem Hund also menschliche Begehrlichkeiten und Charaktereigenschaften zuordnen - und es oft nicht einmal merken. Es kommt uns ohne zu zögern und ohne nachzudenken über die Lippen. Dominanz, hierarchisches Denken, Führungsanspruch, Kontrollsucht, Eigensinnigkeit, Faulheit, Hinterlist, Boshaftigkeit, Absicht, Dummheit – die Liste der scheinbar hundlichen, doch eigentlich ziemlich menschlichen Eigenschaften ist lang.

Wir tun das, weil wir Menschen sind und nichts anderes kennen. Wir vergleichen das Verhalten des Hundes mit uns bekanntem, also menschlichem Verhalten und ziehen daraus unsere Schlüsse. Wir gucken durch die Menschenbrille.

 

Dabei wäre es für uns manchmal sehr viel einfacher, würden wir unsere menschlichen Attribute bei der Beschreibung des Hundes über Bord schmeißen. Eine vorurteilsfreiere Sicht auf die Dinge könnte unser Leben ganz schön vereinfachen.

 

Was wäre nämlich zum Beispiel, wenn der Hund uns gar nicht „kontrollieren“ will, sondern über die Domestikation dazu gezüchtet wurde, sich eng an den Menschen zu binden und eine Trennung von ihm – die nur kurz sein mag – unangenehme Gefühle weckt? Was ihn wiederum regelmäßig dazu bringt – obwohl er zum Beispiel total müde ist - sein natürliches Ruhebedürfnis zu ignorieren, nur um uns nah zu sein.

 

Was wäre, wenn der Hund auf dem Sofa liegt, nicht etwa um uns zu signalisieren, dass er der „Chef“ sein möchte, sondern weil es dort so saubequem, kuschelig und warm ist? Ebenso wie er gern auf dem Steinboden liegt, nicht weil er sich uns dann doch plötzlich unterwirft, sondern weil der im Sommer so schön kühlt?

 

Was wäre, wenn der Hund gar nicht „stur“, „eigensinnig“ oder „widerspenstig“ wäre und sich nur deswegen nicht hinsetzt, obwohl wir es verlangt haben, weil die Wiese unter ihm nass ist und er einen nassen Hintern nicht leiden kann, der Asphalt zu heiß, die Aufregung zu groß ist, der Rücken schmerzt oder er es nie wirklich gelernt hat?

 

Was wäre, wenn der Hund uns anspringt, nicht, weil er sich „respektlos“ benimmt, sondern weil das seine Art ist Freude auszudrücken und wir ihm nicht konsequent beigebracht haben, unten zu bleiben?

 

Was wäre, wenn Hunde gar nicht – wie wir Menschen - führen wollen, sondern einfach nur abwägen, welches Verhalten ihnen Bedürfnisbefriedigung, Komfort, Sozialkontakt oder Sicherheit bringt?

 

Würde uns dieser Denkansatz nicht auf einen Schlag viel weiterbringen, da er ja gleich einen Lösungsansatz mitliefert, statt mit scheinbarer Sturheit und Eigenwilligkeit zu hadern?

 

Eigentlich sollte uns eine einzige Frage beschäftigen:

Stört uns das Verhalten des Hundes oder können wir damit leben?

 

Wenn es uns stört, trainieren wir mit dem Hund und bringen ihm bei, das Verhalten nicht mehr zu zeigen.

Stört es uns nicht, dann latscht er eben mit aufs Klo und fühlt sich dort wohl, selbst wenn’s stinkt. Würde es ihn übrigens stören, dann würde er gehen. So „egoistisch“ sind unsere „undankbaren“ Hunde! Oder vielleicht einfach nur bedürfnisorientiert.

 

Natürlich gibt es heute viele wissenschaftliche Studien, die untersucht und herausgefunden haben, wie unsere Haushunde denken, fühlen und leben und die auch beweisen, dass Hunden diese menschlichen Attribute fehlen – eben weil sie Hunde sind und ihre Evolution ganz anders verlaufen ist, als die des (hierarchisch strukturierten) Menschen.

Glücklicherweise muss man diese Studien aber nicht kennen, um einen Hund besser zu verstehen.

 

Wir sollten einfach ab und an mal versuchen, die Menschenbrille abzulegen. Die Welt eines Hundes sieht dann plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich für uns aus, oder?

 

Mein Bauchgefühl hat schließlich gesiegt. Ich habe mich abgewandt von aversiven und unfairen Methoden und trainiere mit meinem Hund nur noch freundlich und fair. Und wenn er doch mal wieder in für ihn schwierige Situationen muss, dann manage ich das ganze so gut wie möglich. Das bedeutet, bei Besuch, der ihn stressen könnte, kommt er in eine Box, Begegnungen mit fremden Hunde unterbinde ich und vermittle ihm Sicherheit. Sicherlich muss er noch viel lernen, und er wird immer der ängstliche und und deswegen vielleicht mal etwas agressiv wirkende Typ bleiben. Aber wir sind viel enger zusammengewachsen, alleine das schafft großes Vertrauen und anderes Verhalten auf beiden Seiten. Und schließlich fühle ich mich endlich wohl im Umgang mit meinem Hund.

 

Teile dieses Texten wurden übernommen von Carolin Hoffmann, verööffentlicht auf www.trainieren-statt-dominieren.de

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Lieber Tierarzt...


...ich habe einen meiner Patienten endlich erfolgreich an Dich verwiesen. Sein Herrchen hat mich vor einigen Wochen kontaktiert, weil des dem Hund so schlecht ging. Angeblich war Herrchen schon öfter mit ihm bei Dir, aber besser ging es dem Hund nicht. Also wollte Herrchen eine zweite Meinung und eventuell eine Therapie durch mich mit alternativen Heilmethoden.

 

Ich habe wie immer eine genaue Erstanamnese durchgeführt, den Hund untersucht und über eine Stunde mit seinem Herrchen über die Krankengeschichte, die Ernährung, das Umfeld und das Leben seines Hundes gesprochen. Das Du dem Herrchen nie gesagt hast, das er seinem Hund keine Schokolade geben darf oder das er vielleicht mal ein anderes Futter ausprobieren sollte als das billige Futter aus dem Discounter, das sehe ich nicht so eng. So ist das nunmal, Du hast ja auch viel mehr zu tun als ich und im Alltag mit so vielen Patienten wahrscheinlich keine Zeit dafür, sich um jeden ungefähr eine Stunde lang zu kümmern. Vielleicht hat Herrchen Dir das mit der Schokolade und dem Billig-Futter einfach nicht erzählt und Du hast vielleicht auch nicht danach gefragt.

 

Ich habe Herrchen natürlich auch gefragt, was genau schon von Dir diagnostiziert und unternommen wurde, um dem Hund zu helfen, ob es dazu Laboruntersuchungen gab und ich die Unterlagen vielleicht sehen könnte. Herrchen sagte, der Hund hätte wohl die Erkrankung mit dem Namen xy und ja, eine Blutuntersuchung wurde gemacht, das war wohl auch sehr teuer, und nein, die Unterlagen dazu hat Herrchen leider nicht, warum auch, das ist für ihn ja eh alles nur medizinisches Latein. Aber Du hast Herrchen damals gesagt, dass alles so in Ordnung ist, bestimmte Medikamente gegeben und das Du jetzt auch nicht mehr weiter weißt. Als ich Herrchen gesagt habe, dass ich gerne noch einmal Blut abnehmen möchte, damit ich mir selber ein Bild machen kann, ist es böse auf mich geworden. Das ist ihm zu teuer, jetzt noch einmal eine Laboruntersuchung zu bezahlen, wenn Du doch schon eine gemacht hast. Herrchen hat schon viel Geld für die Behandlung des Hundes ausgegeben und mich auch zu Beginn  gefragt, wie viel ich denn berechnen würde, denn es hätte gerade nicht mehr viel Geld.

 

Ich habe Herrchen also nach meinen Möglichkeiten und mit den Informationen, die ich hatte, einen Therapieplan erstellt. Habe darin eine Ernährungsumstellung beschrieben, Herrchen diverse hochwertige Futter empfohlen (die natürlich leider alle teurer als das Discounter-Futter sind) und auch dringend von dem weiteren Verfüttern von Schokolade gewarnt, da diese ja für Hunde giftig ist. Außerdem habe ich ein homöopathisches Mittel verschrieben und Herrchen gebeten, sich regelmäßig bei mir zu melden, damit wir den Therapieplan eventuell weiter anpassen können. Natürlich musste ich ihm versichern, dass Beratung und Beantwortung von Fragen zur laufenden Therapie nichts extra kosten, weil es ja gerade so wenig Geld hat...

 

Herrchen hat sich auch regelmäßig bei mir gemeldet. Sogar sonntags und spät abends. Wenn ich nicht ans Telefon gegangen bin und erst am nächsten Tag zurück gerufen habe, wurde es böse und hat mir wütend vorgeworfen, dass ich doch gesagt hätte, dass ich für Fragen und Hilfe immer zur Verfügung stehen würde. Jedenfalls hat Herrchen mir auch immer erzählt, dass es die Medizin, die ich seinem Hund verschrieben habe, leider nicht immer regelmäßig geben könnte, dass wäre ja im Alltag so kompliziert. Und das der Hund die auch gar nicht gerne nehmen würde, obwohl der ja sonst so gerne frisst. Ach, und weil der doch dann immer so traurig guckt, hätte er doch nochmal Schokolade bekommen, aber nur drei- oder vier mal, also nicht wirklich oft. Geschadet hat es dem Hund ja bis jetzt nicht wirklich, wenn etwas wirklich giftig ist, dann fällt der doch sofort davon tot um, oder nicht? Das mit dem Futter, das sei so eine Sache, es hat sich jetzt die anderen Futter alle mal angesehen, aber die sind ja soviel teurer als das Futter vom Discounter, also das kann es sich jetzt gerade gar nicht leisten, es kauft jetzt erstmal weiter das Billige, das hat der Hund ja auch immer gerne gefressen. Übrigens geht es dem Hund immer noch nicht wirklich besser, Herrchen ist sich gar nicht wirklich sicher, ob das mit diesen alternativen Heilmethoden überhaupt etwas bringt...

 

Lieber Tierarzt, einige  Wochen lang, in denen ich mehrere dieser Telefonate geführt habe, mehrfach nochmal vor Ort bei dem Hund war und es ihm immer schlechter ging, habe ich Herrchen öfter dringend gebeten, mit dem Hund noch einmal bei Dir vorstellig zu werden, damit Du etwas tust und es dem Hund eventuell schnell wieder besser geht, denn ich habe wirklich Angst um ihn gehabt. Ich habe ja leider keine Möglichkeit, dringend notwendige verschreibungspflichtige Medikante zu verabreichen, erstens, weil ich es nicht darf und zweitens, weil ich mich damit überhaupt nicht auskenne und auch den Anspruch gar nicht erhebe. Herrchen war sehr böse auf mich und hat mir vorgeworfen, ich würde mich jetzt aus der Verantwortung ziehen und hätte die ganze Zeit Geld für's Nichtstun kassiert. Danach habe ich auch nichts mehr von Herrchen oder dem Hund gehört.

 

Aber anscheinend waren die beiden doch noch bei Dir, denn Du, lieber Tierarzt, verbreitest jetzt über Tierheilpraktiker im Allgemeinen und über mich im Besonderen die schlimmsten und haarsträubensten Geschichten! Das Herrchen den Hund mehr tot als lebendig in Deine Praxis gebracht hat und meinte, er hat den Hund wochenlang durch eine Tierheilpraktikerin behandeln lassen. Ich hätte den Hund beinahe umgebracht, ich hätte ja keine Ahnung von Veterinärmedizin und überhaupt dürfte sich ja jeder, der einen Wochenendkurs in Homöopathie belegt hat, Tierheilpraktiker schimpfen.

 

Ja, lieber Tierarzt, Du hast recht: ich habe kein Studium der Veterinärmedizin absolviert. Dafür aber eine sehr aufwändige und kostspielige Ausbildung über zwei Jahre, deren Anatomie- und Physiologie-Teil als Kurs für Wartesemester zur Veterinärmedizin gilt. Und nicht nur einen Wochenendkurs.

Mein Regal mit medizinischer Fachliteratur sieht sogar ziemlich ähnlich aus wie das, welches Du stolz bei Dir in der Praxis präsentierst, denn Lesen und Lernen kann ich genauso wie Du und die Bücher, die Du liest oder als Student gewälzt hast, habe ich mir ebenfalls in der Buchhandlung gekauft. Ich sitze in meiner Freizeit mit veterinärmedizinischer Fachliteratur in der Badewanne. Im Urlaub liege ich sogar damit am Strand.

 

Ich erhebe nicht den Anspruch, Dich zu ersetzen, ganz bestimmt nicht. Deswegen nenne ich mich "Therapeutin" und Du Dich "Arzt". Wenn ich etwas nicht kann, mich mit etwas nicht auskenne oder mir ein Fall zu heikel ist, dann sage ich das ehrlich und schicke meine Patienten mit ihren Besitzern zu Dir.

 

Aber ich erhebe den Anspruch, dass Du Dich mit dem, worüber Du Deine Meinungen verbreitest, auseinander setzt! Und vielleicht auch mal darüber nachdenkst, was Dir die Besitzer Deiner Patienten verschweigen, verdrehen oder anders darstellen. Das Du über den Tellerrand schaust und hinterfragst, statt einfach nach Schema F zu handeln und zu urteilen, so wie Du es anscheindend in Deinem Studium gelernt hast. Denn die Welt ändert sich und erst recht die Erkenntnisse der Wissenschaft,  zu der auch die Medizin zählt.

 

Ich hätte mich gerne mit Dir über den Hund, der mal unser gemeinsamer Patient war, auseinander gesetzt. Aber Du verweigerst ein Gespräch mit mir. Warum kann ich nur vermuten, und das ist wirklich traurig. Vielleicht hätten wir zusammen ein tolles Team ergeben.

 

Herzliche Grüße,

 

Katharina Eichen

Tierheilpraktikerin

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Aus dem Alltag einer Tierheilpraktikerin Teil 1


Meinen ersten Blogeintrag hätte ich gerne einem fröhlichen und spannenden Thema gewidmet, aus aktuellem Anlass kommt es aber anders: ich möchte darüber schreiben, was mir vor einiger Zeit auf facebook, dem "sozialen Netzwerk" schlechthin, passiert ist.

 

Ich las den Post eines der auf facebook sehr aktiven und bekannten Tierärzte, in dem er auf sehr drastische Weise die Alternativmedizin ablehnte. Das an sich ist ja nicht verwerflich, frei nach dem Motto "wer heilt hat recht" sollte jeder wissen, was sein Gebiet ist und was er vertritt.

 

Dabei aber beleidigend zu werden, Tierheilpraktiker allgemein und sogar Arztkollegen, die alternative Therapiemethoden anwenden, als "Quacksalber" und "Stümper" zu bezeichnen, ging mir dann doch zu weit. Ich gebe zu, ich fühlte mich auch in meiner Ehre gekränkt.

 

Ich habe also einen ganz freundlichen Kommentar dazu verfasst und darin geschrieben, dass ich die Einstellung des Herren äußerst schade finde und das ich durchaus auch der Meinung bin, dass es in dem weit gefächerten Kollegenkreis der Tierheilpraktiker schwarze Schafe gibt. Das diese aber ebenfalls unter Tierärzten zu finden sind und ich als Tierheilpraktikerin nehme mir ja auch nicht heraus,grundsätzlich alle Tierärzte als unfähig zu beschimpfen. Das man eher die großartige Möglichkeit der Zusammenarbeit und der Kommunikation nutzen sollte und das eine gute THP-Ausbildung in vielen Teilen (Anatomie, Physiologie und Pathologie) durchaus mit Teilen eines Tiermedizin-Studiums vergleichbar ist. Und auch, dass ein guter Tierheilpraktiker seine Grenzen kennt und, an diese stoßend, immer an einen Tierarzt verweist (zumindest mache ich das so), weil wir im Prinzip ja alle nur das Selbe wollen: gesunde und glückliche Patienten.

 

Ich dachte, damit wäre es dann getan, ich hätte nach diesem unverschämten Post meine Ehre, die meiner Kollegen und aller alternativ arbeitenden Ärzte gerettet und machte mich wieder an mein Tagewerk. Niemals hätte ich geahnt, welche Wellen mein Kommentar schlagen sollte...

 

Später rief ich dann wieder meine facebook-Seite auf und fiel fast rückwärts vom Stuhl. Es gab bereits einige Antworten auf meinen Kommentar, von vielen unterschiedlichen Leuten, einige selber Tierärzte, und diese Antworten hatten es in sich. Ich wurde beleidigt und beschimpft, ich sei eine Stümperin, genau wie alle anderen auch, die "auf kleine weiße Kügelchen schwören" (damit sollte wohl die klassische Homöopathie gemeint sein), ich würde den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen und ihr Leid und ihre Sorge um ihre Tiere ausnutzen, ich hätte keine Ahnung von Medizin und ich würde meine Patienten vorsätzlich dem Tode weihen und überhaupt: wie ich es wagen könnte, den Tierarzt anzugreifen! (hatte ich das?) Ich war entsetzt.

 

Anfangs habe ich jeden dieser Kommentare sachlich, fachlich und höflich beantwortet und mich auf Diskussionen eingelassen. Den Menschen dort nahegelegt, sich doch einfach mal schlau zu machen, was ein Tierheilpraktiker  genau macht, wie eine Ausbildung abläuft. Das es viel mehr Therapiemöglichkeiten gibt als nur "kleine weiße Kügelchen". Erklärt, wie man einen guten THP erkennt, welche Inhalte die Ausbildungen haben, bei wie vielen Erkrankungen die Alternativmedizin eine tolle Ergänzung sein kann und das mein Ziel eigentlich eine gute Zusammenarbeit zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde ist.

 

Ein paar THP-Kollegen sprangen für mich in die Bresche und diskutierten mit, ließen sich zu Beginn ebenfalls darauf ein. Auf Kämpfe, die im Nachhinein betrachtet, von Anfang an aussichtslos waren. Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher. Die Beschimpfungen wurden immer schlimmer. Ich bekam private Nachrichten auf facebook, von offensichtlich gerade erst erstellten Fake-Konten, in denen ich bedroht wurde. Auf diese habe ich gar nicht mehr reagiert. Eine liebe Kollegin von mir, die noch lange mit diskutierte, wurde ebenfalls beschimpft und bedroht. Jedes Mal, wenn ich facebook öffnete, hagelte es neue Benachrichtigungen zu Antworten auf meinen Kommentar. Irgendwann habe ich sie einfach nicht mehr gelesen.

 

Ich bekam Angst, wenn mein Telefon klingelte. Was, wenn dort jemand dran war, der mir wieder drohen wollte? Durch meine facebook-Seite und meine Homepage wäre es für so jemanden ein Leichtes, meine Kontaktdaten herauszufinden. Ich bin eigentlich sehr lebenslustig und selbstbewusst, aber auch wenn ich es nicht zugeben wollte: dieser Shitstorm auf facebook hing mir nach. Ich konnte plötzlich verstehen, wie es Menschen gehen muss, die Opfer des sogenannten "Cyber-Mobbings" werden. Vorher hatte ich mich mit diesem Phänomen niemals beschäftigt.

 

Was bringt Menschen aus allen Teilen Deutschlands dazu, eine ihnen völlig unbekannte Person zu beleidigen, zu beschimpfen, zu verurteilen und sogar zu bedrohen? Das alles im Rahmen eines so genannten "sozialen Netzwerkes", das eigentlich zum freundlichen Austausch und zum Informieren dienen soll? Alle diese Menschen kennen weder mich persönlich, noch meinen Hintergrund, meine Ausbildung, meine Erfahrungen oder meine Therapiemethoden und ihren Aussagen nach haben sie sich auch niemals auch nur im Ansatz damit beschäftigt.  Würde das mir und meiner Praxis schaden? Wie sollte ich damit weiter umgehen?

 

Kurz nach diesem Vorfall (ich hatte die Benachrichtigungs-Funktion für den Beitrag längst ausgeschaltet) fuhr ich mit meinem Mann und unserem Hund drei Wochen lang in den Urlaub und konnte endlich Abstand gewinnen. Bei langen Spaziergängen am Strand und in skandinavischen Waldlandschaften hatte ich in aller Ruhe Gelegenheit, das Ereignis in Ruhe zu überdenken und zu reflektieren. Und aus der ehemaligen Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit wurde Wut. Ich war einfach nur noch wütend. Wütend darüber, dass ich mir von fremden, unwissenden Menschen, weit weg von meinem persönlichen Umfeld, Angst hatte einjagen lassen. Und ich war traurig. Traurig darüber, dass diese Menschen anscheinend keine andere Möglichkeit hatten, ihre eigene Meinung kund zu tun, als beleidigend und ausfallend zu werden. Aber mir wurde auch klar, dass all das überhaupt nichts mit mir persönlich oder mit meinen Fähigkeiten als Therapeutin zu tun hatte. Und wenn ich ehrlich zu mir selber war, wollte ich auch gar nicht, dass solche Leute jemals persönliche Berührung mit mir oder mit meiner Praxis haben. 

 

Von da an genoss ich meinen Urlaub und machte nach meiner Rückkehr motivert und fröhlich weiter wie bisher. Meine Patienten, ihre Besitzer, die kleinen und großen Erfolge und die Freude an meiner Arbeit zeigen mir, das es genau so richtig ist.

 

Übrigens hat sich der betreffende Tierarzt zu fast allen anderen Kommentaren, die unabhängig von meinem zu seinem Post gemacht wurden, geäußert. Nur zu meinem nicht. Kein einziges Mal. (Zumindest nicht in der Zeit, in der ich noch verfolgt habe, was da alles so passiert)

 

Heute wollte ich, bevor ich diesen Blogbeitrag veröffentliche, noch einmal mutig sein und mir das erste Mal,  seitdem das alles passiert ist, den Post und alle Kommentare auf der facebook-Seite des Tierarztes anschauen. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass der Post anscheinend irgendwann in der letzten Zeit gelöscht wurde, zumindest kann ich ihn nicht mehr finden... Ah ja...

 

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