Aus dem Alltag einer Tierheilpraktikerin Teil 1

Meinen ersten Blogeintrag hätte ich gerne einem fröhlichen und spannenden Thema gewidmet, aus aktuellem Anlass kommt es aber anders: ich möchte darüber schreiben, was mir vor einiger Zeit auf facebook, dem "sozialen Netzwerk" schlechthin, passiert ist.

 

Ich las den Post eines der auf facebook sehr aktiven und bekannten Tierärzte, in dem er auf sehr drastische Weise die Alternativmedizin ablehnte. Das an sich ist ja nicht verwerflich, frei nach dem Motto "wer heilt hat recht" sollte jeder wissen, was sein Gebiet ist und was er vertritt.

 

Dabei aber beleidigend zu werden, Tierheilpraktiker allgemein und sogar Arztkollegen, die alternative Therapiemethoden anwenden, als "Quacksalber" und "Stümper" zu bezeichnen, ging mir dann doch zu weit. Ich gebe zu, ich fühlte mich auch in meiner Ehre gekränkt.

 

Ich habe also einen ganz freundlichen Kommentar dazu verfasst und darin geschrieben, dass ich die Einstellung des Herren äußerst schade finde und das ich durchaus auch der Meinung bin, dass es in dem weit gefächerten Kollegenkreis der Tierheilpraktiker schwarze Schafe gibt. Das diese aber ebenfalls unter Tierärzten zu finden sind und ich als Tierheilpraktikerin nehme mir ja auch nicht heraus,grundsätzlich alle Tierärzte als unfähig zu beschimpfen. Das man eher die großartige Möglichkeit der Zusammenarbeit und der Kommunikation nutzen sollte und das eine gute THP-Ausbildung in vielen Teilen (Anatomie, Physiologie und Pathologie) durchaus mit Teilen eines Tiermedizin-Studiums vergleichbar ist. Und auch, dass ein guter Tierheilpraktiker seine Grenzen kennt und, an diese stoßend, immer an einen Tierarzt verweist (zumindest mache ich das so), weil wir im Prinzip ja alle nur das Selbe wollen: gesunde und glückliche Patienten.

 

Ich dachte, damit wäre es dann getan, ich hätte nach diesem unverschämten Post meine Ehre, die meiner Kollegen und aller alternativ arbeitenden Ärzte gerettet und machte mich wieder an mein Tagewerk. Niemals hätte ich geahnt, welche Wellen mein Kommentar schlagen sollte...

 

Später rief ich dann wieder meine facebook-Seite auf und fiel fast rückwärts vom Stuhl. Es gab bereits einige Antworten auf meinen Kommentar, von vielen unterschiedlichen Leuten, einige selber Tierärzte, und diese Antworten hatten es in sich. Ich wurde beleidigt und beschimpft, ich sei eine Stümperin, genau wie alle anderen auch, die "auf kleine weiße Kügelchen schwören" (damit sollte wohl die klassische Homöopathie gemeint sein), ich würde den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen und ihr Leid und ihre Sorge um ihre Tiere ausnutzen, ich hätte keine Ahnung von Medizin und ich würde meine Patienten vorsätzlich dem Tode weihen und überhaupt: wie ich es wagen könnte, den Tierarzt anzugreifen! (hatte ich das?) Ich war entsetzt.

 

Anfangs habe ich jeden dieser Kommentare sachlich, fachlich und höflich beantwortet und mich auf Diskussionen eingelassen. Den Menschen dort nahegelegt, sich doch einfach mal schlau zu machen, was ein Tierheilpraktiker  genau macht, wie eine Ausbildung abläuft. Das es viel mehr Therapiemöglichkeiten gibt als nur "kleine weiße Kügelchen". Erklärt, wie man einen guten THP erkennt, welche Inhalte die Ausbildungen haben, bei wie vielen Erkrankungen die Alternativmedizin eine tolle Ergänzung sein kann und das mein Ziel eigentlich eine gute Zusammenarbeit zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde ist.

 

Ein paar THP-Kollegen sprangen für mich in die Bresche und diskutierten mit, ließen sich zu Beginn ebenfalls darauf ein. Auf Kämpfe, die im Nachhinein betrachtet, von Anfang an aussichtslos waren. Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher. Die Beschimpfungen wurden immer schlimmer. Ich bekam private Nachrichten auf facebook, von offensichtlich gerade erst erstellten Fake-Konten, in denen ich bedroht wurde. Auf diese habe ich gar nicht mehr reagiert. Eine liebe Kollegin von mir, die noch lange mit diskutierte, wurde ebenfalls beschimpft und bedroht. Jedes Mal, wenn ich facebook öffnete, hagelte es neue Benachrichtigungen zu Antworten auf meinen Kommentar. Irgendwann habe ich sie einfach nicht mehr gelesen.

 

Ich bekam Angst, wenn mein Telefon klingelte. Was, wenn dort jemand dran war, der mir wieder drohen wollte? Durch meine facebook-Seite und meine Homepage wäre es für so jemanden ein Leichtes, meine Kontaktdaten herauszufinden. Ich bin eigentlich sehr lebenslustig und selbstbewusst, aber auch wenn ich es nicht zugeben wollte: dieser Shitstorm auf facebook hing mir nach. Ich konnte plötzlich verstehen, wie es Menschen gehen muss, die Opfer des sogenannten "Cyber-Mobbings" werden. Vorher hatte ich mich mit diesem Phänomen niemals beschäftigt.

 

Was bringt Menschen aus allen Teilen Deutschlands dazu, eine ihnen völlig unbekannte Person zu beleidigen, zu beschimpfen, zu verurteilen und sogar zu bedrohen? Das alles im Rahmen eines so genannten "sozialen Netzwerkes", das eigentlich zum freundlichen Austausch und zum Informieren dienen soll? Alle diese Menschen kennen weder mich persönlich, noch meinen Hintergrund, meine Ausbildung, meine Erfahrungen oder meine Therapiemethoden und ihren Aussagen nach haben sie sich auch niemals auch nur im Ansatz damit beschäftigt.  Würde das mir und meiner Praxis schaden? Wie sollte ich damit weiter umgehen?

 

Kurz nach diesem Vorfall (ich hatte die Benachrichtigungs-Funktion für den Beitrag längst ausgeschaltet) fuhr ich mit meinem Mann und unserem Hund drei Wochen lang in den Urlaub und konnte endlich Abstand gewinnen. Bei langen Spaziergängen am Strand und in skandinavischen Waldlandschaften hatte ich in aller Ruhe Gelegenheit, das Ereignis in Ruhe zu überdenken und zu reflektieren. Und aus der ehemaligen Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit wurde Wut. Ich war einfach nur noch wütend. Wütend darüber, dass ich mir von fremden, unwissenden Menschen, weit weg von meinem persönlichen Umfeld, Angst hatte einjagen lassen. Und ich war traurig. Traurig darüber, dass diese Menschen anscheinend keine andere Möglichkeit hatten, ihre eigene Meinung kund zu tun, als beleidigend und ausfallend zu werden. Aber mir wurde auch klar, dass all das überhaupt nichts mit mir persönlich oder mit meinen Fähigkeiten als Therapeutin zu tun hatte. Und wenn ich ehrlich zu mir selber war, wollte ich auch gar nicht, dass solche Leute jemals persönliche Berührung mit mir oder mit meiner Praxis haben. 

 

Von da an genoss ich meinen Urlaub und machte nach meiner Rückkehr motivert und fröhlich weiter wie bisher. Meine Patienten, ihre Besitzer, die kleinen und großen Erfolge und die Freude an meiner Arbeit zeigen mir, das es genau so richtig ist.

 

Übrigens hat sich der betreffende Tierarzt zu fast allen anderen Kommentaren, die unabhängig von meinem zu seinem Post gemacht wurden, geäußert. Nur zu meinem nicht. Kein einziges Mal. (Zumindest nicht in der Zeit, in der ich noch verfolgt habe, was da alles so passiert)

 

Heute wollte ich, bevor ich diesen Blogbeitrag veröffentliche, noch einmal mutig sein und mir das erste Mal,  seitdem das alles passiert ist, den Post und alle Kommentare auf der facebook-Seite des Tierarztes anschauen. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass der Post anscheinend irgendwann in der letzten Zeit gelöscht wurde, zumindest kann ich ihn nicht mehr finden... Ah ja...

 

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